Interview mit Malte Stamer zum Projekt "Smart Comet"

Malte Stamer DEKRA Akademie

Herr Stamer, als Mitarbeiter der DEKRA Akademie sind Sie verantwortlich für das Projekt „Smart Comet“, welches seit Januar 2017 besteht. Was ist der Hintergrund des Projektes und was beinhaltet es?

Die Digitalisierung bzw. Industrie 4.0 verändert viele Unternehmen. Betroffen sind auch die Mitgliedsunternehmen des Metallarbeitgeberverbands in der Türkei. Es wird darüber nachgedacht, was diese Veränderungen auf der strategischen Ebene für Unternehmen und die Beschäftigten bedeuten. Müssen die Beschäftigten in Zukunft neue Fähigkeiten erlernen und ihre Kompetenzen erweitern? Verändert sich die Anzahl der benötigten Beschäftigten? Das Projekt beschäftigt sich genau mit diesen Fragestellungen. Die Türkei unterscheidet sich dabei nicht von anderen Ländern. Der einzige Unterschied ist, dass die türkischen Unternehmen meist Zulieferfirmen sind (oft Zulieferfirmen der LKW- und Busproduktion).


Welche Arbeitsschritte sind für den Erfolg des Projektes „Smart Comet“ notwendig?

Für den Erfolg des Projektes sind zwei wichtige Arbeitsschritte notwendig: Eine wichtige Aufgabe ist die Kompetenzfeststellung der Beschäftigten. Im Projekt beschäftigt man sich mit den Fragen: Welche Verfahren gibt es, um vorhandene Kompetenzen von Beschäftigten zu erfragen? Dazu zählen Kompetenzen am Arbeitsplatz und der jeweilige Umgang des Beschäftigten mit Veränderungen. Ein weiterer Schritt ist die Art der Kompetenzvermittlung herauszufinden. Welche Kompetenzen können auf welche Art an die Beschäftigten vermittelt werden?


Wer sind die Beteiligten des Projektes und aus welchen Ländern stammen sie?

Der Hauptverantwortliche des gesamten Projektes „Smart Comet“ ist der türkische Koordinator Mess. Mess ist eine Bildungseinrichtung, die dem türkischen Metallarbeitgeberverband angehört. Die Partner, die am Projekt beteiligt sind stammen unter anderem aus der Türkei (eine Berufsschule und eine Gewerkschaft), aus Spanien und aus Deutschland. Der Vertreter aus Deutschland bin ich als Mitarbeiter der DEKRA Akademie. Alle Projektbeteiligten haben einen Eigenanteil von 25 Prozent am Projekt.


Wie lange dauert das Projekt und wie verläuft es?

Das Projekt ist Anfang des Jahres 2017 gestartet und hat eine Laufzeit von drei Jahren. Im Vorfeld wurde ein Standardablauf des Projektes festgelegt. Zweimal jährlich finden Projekttreffen mit allen Beteiligten statt. Bei jedem Treffen werden die Aufgaben für das jeweils nächste halbe Jahr besprochen. Das erste Treffen hat bereits stattgefunden. Zwischenzeitliche Absprachen finden in Form von Telefonkonferenzen statt.


Welche Lernangebote gibt es für die Beschäftigten um die veränderten Anforderungen an ihrem Arbeitsplatz zu bewältigen?

Das Ziel des Projektes ist es Mentoren für den Veränderungsprozess durch Industrie 4.0 auszubilden. Die Mentoren haben durch das Projekt die Möglichkeit nach Deutschland (unter anderem nach Stuttgart), Frankreich und Spanien zu reisen. Durch Betriebsbesichtigungen und Gesprächen mit Ausbildern sollen wichtige Erkenntnisse und Erfahrungen gesammelt werden. Die Mentoren geben ihre Beobachtungen dann im Unternehmen in Form von Lösungsstrategien und Lernangeboten an die Beschäftigten weiter.


Das Projekt greift dem türkischen Metallarbeitgeberverband unter die Arme. Warum werden gerade Beschäftige der Türkei unterstützt? Welche Unterschiede gibt es zwischen den Ländern?

Es wird gezielt das Land Türkei unterstützt, da das Projekt von der europäischen Union öffentlich gefördert wird. Die Türkei ist Beitrittskandidat für die europäische Union. Zur Unterstützung des Eintritts gibt die europäische Union Gelder an die türkische Regierung. Die Berufsbildungssysteme sind zwischen den einzelnen Ländern sehr unterschiedlich. Die Türkei ist hier völlig undogmatisch.

An einem Beispiel wird der Unterschied deutlich. Die Türkei ist im Vergleich zu Deutschland ein armes Land. Die Berufsschulen sind nur unterdurchschnittlich ausgestattet. Aus der Not wird eine Tugend gemacht. In einer Berufsschule für KFZ-Mitarbeiter gibt es keine richtige KFZ Werkstatt. Verschiedene Räume werden als Werkstätten für unterschiedliche Automobilmarken verwendet. Die Firmen haben das alles bezahlt.

Die jungen Leute haben die Möglichkeit mit modernen Geräten eine hochwertige praktische Ausbildung zu erlangen. Dies wäre in Deutschland undenkbar.


Die Industrie 4.0 ist ein großes Thema. Was verstehen Sie unter Industrie 4.0, die vierte industrielle Revolution und was zeichnet sie aus?

Ich verstehe unter Industrie 4.0 zwei wesentliche Erneuerungen. Zum einen die Automatisierung von Prozessen. Hierzu zählen verschiedene Arbeitsschritte, die vorher von Menschen vollzogen wurden. Der Arbeitsprozess verändert sich erheblich. Eine Sensorik kann einen Prozess erkennen und aktiv darin eingreifen. Eine weitere Kernerneuerung stellt die Verarbeitung von riesigen Datenmengen dar. Durch die neuen Technologien ist dies heute vergleichsweise preiswert umsetzbar.


Wie wirkt sich das in der Industrie aus und wie verändert sich die Arbeitswelt? Welche Chancen ergeben sich daraus für die Industrie?

Es gibt unterschiedliche Meinungen, wie sich die Digitalisierung auf die Industrie und die Arbeitswelt auswirken wird. Klar ist, dass sich die Arbeitsplätze in Zukunft verändern werden. Es gibt große Unterschiede zwischen den Beschäftigungsarten. Die Chancen für die einzelnen Länder sind verschieden. Für Deutschland als Exportland bieten sich mehrere Chancen an, was zu einem großen Fortschritt in Zukunft führen wird. Der Arbeitsprozess wird für die Menschen einfacher und das Unternehmen wird wettbewerbsfähiger.


Was erhoffen Sie sich vom Projekt „Smart Comet“ in der Zukunft?

Ich erhoffe mir in Zukunft, auch aus Sicht als DEKRA Mitarbeiter von dem Projekt die Beantwortung drei wichtiger Fragestellungen:

  • Wie verläuft das Sammeln von aufschlussreichen Erkenntnissen im Zuge des Prozesses als Forschungsprojekt?
  • Wie und welche Lernangebote können von Unternehmen, die sich in der Phase der Veränderung im Zuge der Digitalisierung befinden angeboten werden?
  • Welche Bedeutung hat es für uns als DEKRA Akademie? Wir bieten zu 90 Prozent Präsenzschulungen an. Dieses Geschäftsmodell muss in Zukunft überdacht und eventuell Veränderungsprozesse eingeleitet werden.

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